03.11.2026
Wenn Kirche Jugendarbeit neu denkt
Die Kirchliche Jugendarbeit Diegtertal feiert ihr fünfjähriges Bestehen. Die Zusammenarbeit zwischen Kirchgemeinde und der Stiftung Jugendsozialwerk gilt als innovatives Modell: Noch immer ist es selten, dass Kirchen ihre Jugendarbeit an eine spezialisierte Institution übertragen.
Was Ende 2020 mit einer Anfrage der Kirchgemeinde begann, ist heute aus dem Diegtertal nicht mehr wegzudenken. Pfarrer Ueli Dällenbach und Kirchgemeindepräsidentin Franziska Buonfrate nahmen damals Kontakt mit Kind.Jugend.Familie KJF auf, ein Ressort der Stiftung Jugendsozialwerk. Sie suchten einen Weg, Jugendliche in der Region nachhaltig und professionell zu begleiten. Daraufhin entstand das Konzept für die «Offene Jugendarbeit Diegtertal».
Vom Jugendmobil zum eigenen Jugendraum
Im Frühling 2021 fanden die ersten Einsätze mit dem Jugendmobil in Tenniken, Zunzgen und Diegten statt. Das Programm war vielfältig: Bubble Soccer, Slime herstellen oder andere aktuelle Trends aufgreifen. Ab Sommer 2021 gab es jeweils donnerstags ein regelmässiges Programm. Es fand zunächst ausschliesslich in Räumen der Gemeinde und der Kirche statt, in Turnhallen, Mehrzweckräumen, auf Pausenplätzen und in Pfarrhäusern. Die Preteens (5. und 6. Klasse) bestimmten und organisierten das Programm selbst mit. Oft wurde gekocht oder gebacken.
Im Herbst 2022 richteten die Jugendlichen gemeinsam mit dem Team im ehemaligen Kino in Tenniken ihren eigenen Jugendraum ein. Sie bauten eine Bar, holten Dekoration aus Brockenstuben und zügelten Sofas aus dem früheren Jungschar-Raum im Hofmatt-Schulhaus. So konnten sie sich den Raum aneignen. Seither wechselt das Angebot zwischen dem Jugendraum, dem Draussen und weiteren Räumen.
Ein lebensprägendes Angebot
Wie stark das Angebot bei den Jugendlichen ankommt, zeigt sich auch bei Isabell Vögtli, Mutter zweier Töchter: «Sie kommen jeweils sehr aufgestellt von den Treffen nach Hause. Für die jüngere Tochter gehört es einfach dazu. Sie hat dort immer eine gute Zeit. Für die ältere Tochter sind die Treffen zu einem zweiten Zuhause geworden. Die Freundschaften, die dabei entstanden sind, mit Jugendlichen, die sie sonst nie kennengelernt hätte, sind extrem prägend für ihr Leben», erzählt Isabell Vögtli.
Parallel engagiert sich die Jugendarbeit in der Lagerarbeit, namentlich im Konfirmationslager und im Impuls-Wochenende für die 7. und 8. Klassen. Die Jugendarbeitenden sind dort zentrale Ansprechpersonen für die jungen Erwachsenen, die als Leitende mitwirken, und für die Jugendlichen selbst. Niklas Köhler, heute 20, kam als 16-Jähriger so ins Team: «Pfarrer Ueli Dällenbach fragte mich, ob ich als Leiter beim Konflager mitkommen möchte. Ich habe zugesagt, und es hat mir sofort gefallen.» Die Jugendarbeit habe ihm geholfen, sich weiterzuentwickeln und aus seiner eher schüchternen Art herauszukommen, sagt er. Wie tragfähig das Team in schwierigen Momenten ist, erlebte er selbst, als kurz vor einem Lager seine Grossmutter starb: «Ich habe damals im Team viel Unterstützung erhalten.»
Neuer Schwung mit geschärftem Profil
2025 wurde der Leistungsvertrag neu verhandelt. Mit Josua Robl konnte ein neuer Angebotsleiter gewonnen werden. Er kann mit einem auf 70 Stellenprozente erhöhten Pensum verstärkt auch mit älteren Jugendlichen Beziehungen aufbauen. Heute prägt er die Konfirmationsvorbereitung entscheidend mit. Intern wurde zudem das Profil geschärft, das Angebot heisst seither «Kirchliche Jugendarbeit Diegtertal». Der Erfolg sprach sich herum: 2025 kam die Kirchliche Jugendarbeit Homburgertal dazu. Seit Sommer 2026 beteiligt sich ausserdem die Kirchgemeinde Diegten-Eptingen an den Kosten für die Konfirmationsvorbereitung.
Die Kirchliche Jugendarbeit von KJF wird in Zukunft die Zusammenarbeit mit verschiedenen Netzwerkpartnerinnen und -partnern weiterentwickeln. Sie steht mit den Fachstellen Jugendarbeit der reformierten Kirche Baselland und den Kirchgemeinden in Kontakt und entwickelt die Strategie weiter. Ziel ist, gemeinsam für Kinder und Jugendliche eine qualitativ überzeugende und zeitgemässe Jugendarbeit zu schaffen. Geplant ist auch, Ausbildungsplätze in der Kirchlichen Jugendarbeit anzubieten. Wer in seiner Kirchgemeinde die Jugendarbeit neu denken will, findet bei der Kirchlichen Jugendarbeit Beratung und einen Austausch auf Augenhöhe.
Modell mit Zukunft
Erfolgreich ist dieses Modell dank der innovativen Zusammenarbeit der Kirchgemeinde mit Kind.Jugend.Familie KJF. Das Know-how aus der Jugendarbeit setzt so neue Akzente. Christliche Werte werden niederschwellig erlebbar gemacht, ohne dass sie den Jugendlichen aufgedrängt werden. Für Niklas Köhler ist genau das der Kern des Angebots: «Für mich ist die Kirchliche Jugendarbeit nicht ultrareligiös, sondern zuerst einmal einfach gute Jugendarbeit – mit biblischen Themen und menschlichen Werten.»
Auch Isabell Vögtli, die selbst als Präsidentin der Synode der reformierten Kirche Baselland kirchlich stark engagiert ist, sieht darin eine Stärke: «Viele der Jugendlichen haben keine Verbindung zur Kirche. Sie schätzen einfach das Treffen in der Gruppe. In den letzten fünf Jahren hat sich in unserer Kirchgemeinde vor allem das Bewusstsein verändert: Wir haben hier einen Auftrag, gerade dort, wo die politische Gemeinde nichts anbietet. Kirche muss nicht in der Kirche stattfinden. Es geht darum, Leben zu teilen.»